Gangs of Trash City: Die fiese Seite der Waschbären

In einer heruntergekommenen Metropole, passenderweise Trash City genannt, treiben Washbär-Gangs ihr Unwesen. Und diese „Gangs of Trash City“ führen zwei Klanbosse an, die um Müllberge und Siegpunkte wetteifern. Wer hat am Ende den mächtigeren Klan? Wir werden sehen – in einem ausgesprochen unterhaltsamen, konfrontativen Spiel mit Bluff, verdecktem Handlanger-Einsatz, animalischem Mafia-Charme und tollem Material.

  • Autor: Felix Mertikat & Apex Ideenschmiede
  • Illustration: Felix Mertikat
  • Spielerzahl: zwei
  • Alter: ab zehn Jahren
  • Dauer: 40 Minuten
  • Lustige Startspielerbestimmung: keine
  • Verlag: King Racoon Games/Apex Ideenschmiede

Zunächst sucht sich das spielende Duo einen Klanboss aus, vier stehen zur Wahl, jeder hat ein anderes Ass im Ärmel, also einen eigenen Startbonus. Außerdem sammelt jeder Boss am liebsten bestimmte Müllsorten für besonders viele Punkte, aber dazu später mehr.

Bluffenderweise Handlanger aussenden

In der Tischmitte wartet Trash City auf uns: Gaunergasse, Dunkle Ecke, Hehlerpier, Schrottplatz, Tunnelring, Sing-Sing-Steig und Königsallee sind die Orte, an denen die „Gangs of Trash City“ ihren Oberboss ausmachen.

Dafür müssen die Spielenden ihre Handlanger aussenden. Wer die Mehrheit an einem Ort hat, darf seinen Effekt nutzen. Überall in der Stadt passieren in dem Fall unterschiedliche Dinge, dazu gleich mehr.

Sechs Tage Zeit, bevor die Müllabfuhr kommt

Zunächst aber die Handlanger: Das sind wunderbar schwer in der Hand liegende und zum Herumspielen reizende Chips mit den Zahlen null bis fünf, die jeweils einmal vorkommen. Außerdem gibt es zwei besondere Chips, deren Wert sich an der Anzahl der eigenen oder gegnerischen Chips misst.

Zu Beginn einer Partie „Gangs of Trash City“ losen die Spieler aus, wer die Übermacht hat, was mit je einem Holzwürfel in Spielerfarbe auf der Königsallee festgehalten wird. „Übermacht haben“ heißt „Startspieler des Tages“ sein. Insgesamt besteht eine Partie aus sechs Tagen. Warum sechs? Weil am siebten Tag die Müllabfuhr kommt und der ganze schöne Abfall, in dem die Waschbären so gern rumwühlen, entsorgt ist.

Gauner zum Gegner-Ärgern bei „Gangs of Trash City“

Jeder Tag beginnt damit, dass die beiden Rivalen eine Gaunerkarte ziehen, von denen ein Spieler maximal sechs auf der Hand haben darf. Diese Karten sind der amüsant-unerfreuliche Teil des Spiels. Denn sie bringen dem Ausspielenden Vor- und/oder dem Gegner Nachteile.

Die Karten sind – wie das ganze Spiel – gewohnt detailverliebt und atmosphärisch stimmig von Felix Mertikat illustriert und tragen auch noch kreative Namen. „The Accountant“ zwingt den Gegner, fünf Knöpfe rüberwachsen zu lassen. Wegen anderer Gauner muss der Kontrahent Würfel verschieben oder abgeben. Billy – The Bat, Ernest McScarface, Guiseppe Novi, Chief O’Brien… Jeder ärgert den Mitspieler auf seine ganz eigene Weise.

Handlanger(-Chips) verdeckt auf Orte setzen

Danach treiben die Klans Schutzgeld ein. Dafür prüft jeder Spieler sein eigenes Tableau und nimmt sich Einnahmen, die ihm dank passend gesetzter weißer Würfel zustehen. Woher er die hat, erfahren wir gleich.

Jetzt geht es endlich ans Aussenden der Handlanger. Der Startspieler-Klanboss beginnt. Abwechselnd legen beide Spieler je einen Handlanger verdeckt an einen Ort, wobei der Startspieler zwei Chips mehr benutzen darf, als der, der zu Tagesbeginn unterlegen ist – ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Um nicht zu sagen: Das ist fast schon unverschämt. Zumindest, wenn man nicht zum übermächtigen Klan gehört.

Immer Ärger mit der Polizei

Sind alle Chips verteilt, folgt die Auswertung. Wer die meisten Punkte mit seinen Handlangern versammelt hat, dominiert mit seinem Klan den Ort und gewinnt den dazugehörigen Effekt, der andere geht leer aus. Weil der Klan dabei aber auch immer für Ärger sorgt, wird die Polizei aufmerksamer, was letzten Endes eine sehr unliebsame Razzia auslösen kann.

Die heißt in Trash City, wo sich neben Waschbären auch Ratten rumtreiben, übrigens natürlich orthografisch nicht korrekt „Ratzzia“. Dieser Ratzzia wenden wir uns gleich auf dem Sing-Sing-Steig zu.

Los geht’s in der Gaunergasse

Aber wir wollen uns Trash City von links nach rechts und oben nach unten ansehen, denn in der Reihenfolge werten die Klanchefinnen auch ihre Handlanger und nutzen gewonnen Ortseffekte.

Den Auftakt macht die Gaunergasse ganz links. Der dominante Klan bekommt drei Knöpfe, die Währung der „Gangs of Trash City“, die mit Holzwürfeln auf dem Klanboss-Tableau festgehalten werden. Danach gibt es eine weitere Gaunerkarte.

Achtung, Blaulicht!

Als letztes geschieht in der Gaunergasse, was bei fast jedem Ort passiert. Der Würfel des siegreichen Klans muss auf dem Sing-Sing-Steig ein Feld nach oben rücken. Was das für Konsequenzen haben kann, erfahrt ihr gleich!

Erst mal wandern wir in die Dunkle Ecke. Hier gibt’s zwei Knöpfe zu verdienen, außerdem darf die Klanchefin dem Gegner die Ratte zuschustern. Die Ratte? Klar, dass die nichts Gutes verheißt. Genauer gesagt verhindert sie Schutzgeldeinnahmen, was ziemlich nerven kann.

Schutzgeld oder Bestechung? Entscheidungen der „Gangs of Trash City“

Kommen wir an den Hehlerpier, an dem den Gewinner nur noch ein Knopf erwartet. Dafür erhält er aber auch zwei der weißen Holzwürfel, die auf dem eigenen Tabelau zum Einsatz kommen – entweder für künftiges Schutzgeld an jedem folgenden Tag oder für einmalige Soforteffekte, passenderweise Bestechung genannt.

Gaunerkarte oder Knöpfe sind an beiden Stellen zu finden. Per Bestechung kann man auch die Ratte zum Gegner schicken. Schutzgeld kann Vorteile im Sing-Sing-Steig oder Tunnelring bringen.

Abfall ergaunern auf dem Schrottplatz

Die Objekte der Klanboss-Begierde, also Müll, gibt es auf dem Schrottplatz. Hier beschaffen die siegreichen Handlanger entweder ein offen ausliegendes Müllplättchen für sechs oder zehn Knöpfe oder zahlen acht für ein verdecktes Plättchen. Die teureren Plättchen bringen zusätzlich einen weißen Würfel oder eine Gaunerkarte.

Mit dem Müll kommt ein wenig Set-Collection in „Gangs of Trash City“. Es gibt die Abfallarten Glas, Elektroschrott, Möbel und Schrauben. Ein Trio von bestimmten Plättchen bringt zehn Bonuspunkte, jede einzelne Abfallart weitere Zähler. Was wie viele Punkte sammelt, hängt vom jeweiligen Klanboss-Tableau ab.

Im Tunnelring zum Schrottplatz buddeln

Wer nicht für den gesuchten Abfall bezahlen will, kann sich auch am Tunnelring per Knopf-Bezahlung nach unten buddeln – da werden Waschbären zu Maulwürfen. Die Belohnung: Wer das untere Feld erreicht, darf sich kostenlos ein Müllplättchen nehmen.

Und dann sind wir auch schon beim Sing-Sing-Steig angekommen, der bestimmt nur ganz zufällig wie das Gefängnis nahe New York heißt. Jedes Mal, wenn ein Klanboss einen Ort dominiert (Ausnahmen: der Sing-Sind-Steig selbst), rückt sein Würfel auf dem Sing-Sing-Steig ein Feld nach oben.

Ratzzia am Sing-Sing-Steig

An manchen Stellen bringt das dem Gegner Knöpfe ein. Der Klanboss selbst verdient sich so hauptsächlich Minuspunkte für die Schlusswertung. Die will er vermeiden, also nutzt er Karten oder einen Schutzgeld-Effekt, um die Leiste wieder runter zu klettern.

Klappt das nicht und der Würfel erreicht das obere Feld, ist die bereits erwähnte Ratzzia ausgelöst. Die Folge: Die Polizei kommt, räumt auf und knöpft dem erwischten Oberwaschbären alle Knöpfe und ein zufälliges Müllplättchen ab. Ärgerlich, aber danach ist er wieder auf freiem Fuß und kann weiter Unruhe in Trash City stiften.

Schlusswertung vor Müllabfuhr bei „Gangs of Trash City“

Zu guter Letzt geht es zur Königsallee. Belohnung: Ein Knopf und die Übermacht. Hat sich keiner hier mit einem Handlanger niedergelassen, wechselt die Übermacht automatisch zu dem, der sie in der vergangenen Runde nicht hatte.

Ist auch die Königsallee erledigt, nähert sich das Müllauto auf dem Spielrundenanzeiger dem Abfuhrtermin um ein Feld und der nächste Tag beginnt. Die Spielerin, die nach sechs Tagen die meisten Punkte hat gewinnt. Die gibt es für Müll, eingesammelte weiße Würfel und übrige Knöpfe. Abgezogen werden die Minuspunkte vom Sing-Sing-Steig und zusätzliche fünf für den, der die Ratte hat.

Ich denke, dass du denkst, dass ich denke…

Der großartige Bluff-Effekt von „Gangs of Trash City“ liegt darin, dass die Spielenden sich ständig fragen, was der andere wohl denkt, welche Handlanger er wohl wohin schickt.

Lohnt es sich, noch einen Chip auf die Dunkle Ecke zu legen, weil ich endlich diese verflixte Ratte loswerden will? Oder warte ich auf die Möglichkeit, sie per Bestechung zum Gegner zu schicken? Oder geh ich doch lieber auf die Königsallee, die außer der wertvollen Übermacht dann aber doch nicht so viel bringt? Und ich will doch aber eigentlich diesen kaputten Fernseher auf dem Schrottplatz einsacken. Über den Tunnelring oder doch direkt vor Ort?

Kleine, wirkungsvolle Entscheidungen

Es sind diese unzähligen kleinen, wirkungsvollen Entscheidungen, die „Gangs of Trash City“ zu einem grandiosen Spiel machen. Auch, weil ganz klar ist: Jeden Ort kann nur ein Klanboss gewinnen. Da liegt Freud und Leid naturgemäß sehr nah beieinander.

Es war im November 2025, als ich einen Prototyp von „Gangs of Trash City“ testen durfte. Inklusive Trash Talk mit Gegner war es ein großer Spaß. Es ist aber auch immer eine Freude, dann irgendwann das fertige Spiel auszuprobieren, Veränderungen zu entdecken oder viel wiederzuerkennen.

Verständliche Regeln und Symbolik

Obwohl ich kein Fan von extrem konfrontativen Duellspielen bin, ist „Gangs of Trash City“ diesen zweiten Blick mehr als wert. Denn es ist ein großartiges Spiel mit Zockfaktor, das sich nicht viel verändern musste, um so gut zu sein, wie es jetzt ist. Extrem viel davon steckte schon im weit entwickelten Prototyp.

Die Regeln sind verständlich, die Symbolik auf den Tableaus und dem Spielplan prima eingesetzt, um nach und nach einzelne Runden und Ortseffekte abzuhandeln. Fans von friedlicher Koexistenz sind hier falsch aufgehoben, es ist kompetitiv, fies und manchmal braucht es gerade bei den Gaunerkarten auch einfach mal Glück.

Zocken und Spaß haben bei „Gangs of Trash City“

Verliert euch nur nicht im „Ich denke, dass du denkst, dass ich denke, dass du denkst…“ Losspielen, zocken, beim Sich-gegenseitig-Ärgern Spaß haben – das bringt „Gangs of Trash City“ in bestens gelungener Qualität mit tollem Material auf den Spieltisch. Also los! Schnappt euch Marvin J. Hawk, Amanda O’Sully, Daria B. Gatti oder Big Joe und zeigt dem anderen am Tisch, wo der Waschbär-Hammer hängt! Ach ja, es gäbe übrigens noch eine Hausregel, die unbedingt sein musste: Wer Socken mit Waschbären in Mülltonnnen trägt, bekommt drei Knöpfe extra. Einfach nur, weil es unfassbar lustig ist, die perfekt passenden Socken zu einem Spiel zu haben.

Falls ihr euch mit mehr von der Apex Ideenschmiede befassen wollt, hier gibt’s weitere Reviews: „Dust Race“, „Die Schriftrolle der Geheimnisse“, „Pfad der Elemente“. Und wer mehr von Felix Mertikat sehen will: Wir haben uns vor eininger Zeit über sein grandioses Rollenspielkonzept „After the Moonfall“ unterhalten.

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