Ich kann es nicht anders sagen: „Obsession“ ist ein Brett. Herausragendes Material, tolle thematische Einbindungen der Spielmechaniken, prima Erweiterungen, über die ihr hier mehr lesen könnt. Rundheraus gesagt: Ein grandioses Machwerk ineinander greifender spielerischer Zahnräder, bei dem es an der einen oder anderen Stelle dann aber doch Kartenglück braucht zum Sieg. Und der bringt den inoffiziellen Titel „angesehenste Familie in der englischen Grafschaft Derbyshire“ mit sich.

Jede Spielerin übernimmt die Rolle einer Familie im viktorianischen Großbritannien. Der Familiensitz ist in die Jahre gekommen und überarbeitungsbedürftig. Das soll geschehen, um das angekratzte Ansehen zu rehabilitieren und die Heiratsaussichten des Nachwuchses zu verbessern – am besten mit der hochangesehen Familie Fairchild.
Vier Familien zur Wahl
Vors Spiel haben die Spielmacher einen umfangreichen Aufbau gesetzt, der durchaus ein wenig Platz benötigt. Jeder am Tisch hat ein Familientabelau. Und da ist es mal nicht wie im richtigen Leben, in „Obsession“ sucht man sich seine Familie nämlich aus.

Zur Wahl stehen, Asquith, Cavendish, Ponsonby und York. Jede Familie hat vier Familienmitglieder und einen anderen Startbonus – mehr Geld, Ansehen, Lakaien oder ein zusätzliches Familienmitglied. Dazu kommen zwei Startgast-Karten. Zusammen bildet das das Deck eines Spielers.
Startmaterial mit Personal
Außerdem gibt es zu Beginn ein wenig Geld. Anmerkung: Es wird während des ganzen Spiels immer zu wenig sein. Und bedienstete. Hier hätten wir Butler (blau), Hauswirtschafterin (rot), Kammerdiener (grün), Zofe (lila) und Lakai (weiß). Zu guter Letzt besitzt jede Familie noch jeweils fünf Plättchen, die für die Ausstattung des Landsitzes stehen, und Zielkarten. All das wird gleich noch erklärt.

Erst kommen wir aber zum zentralen Spielbereich, auf dem auch noch einiges geboten ist. Da ist der Spielplan mit Alderley Hall, auf dem Rundenanzeiger mitsamt zugehörigen Aktionen, Interessen- und Siegpunktkarten warten.

Vorrat für Gäste, Geld und mehr
Die zentrale Auslage bildet sozusagen den Vorrat für alles: Gelegenheits- und Prestigegäste(-Kartenstapel), Münzen, Zielkarten und Plättchen für den Ausbau des Anwesens. Außerdem warten weitere Bedienstete auf Anstellung.
Neben dem bereits genannten Personal hätten wir noch den Butlergehilfen (schwarz) im Arbeiterangebot. Kleine Anmerkung an dieser Stelle: Jeder Haushalt kann nur einen (Chef-)Butler und eine Hauswirtschafterin haben, weitere stehen nicht zur Anstellung bereit.
Aktions- und Werbungsrunden bei „Obsession“
„Schon“ kann’s losgehen. Eine normale Partie „Obsession“ geht über 15 Runden, die in vier Perioden unterteilt sind. Das ist auf dem Plan von Alderley Hall übersichtlich zu sehen. Eine Periode besteht aus jeweils drei Runden mit Aktionen, auf die eine Werbungsrunde folgt.

Jede Periode startet mit dem Aufdecken einer Interessenkarte. So lernen die Familien, wonach den begehrten Fairchilds der Sinn steht. Das ist weit wichtiger, als es zunächst den Anschein hat.
Aktivitäten für Fairchild-Aufmerksamkeit
Starten wir mit den Aktivitäten, mit denen die Familien um die Aufmerksamkeit der Fairchilds buhlen. Dafür müssen wir uns wieder dem Familientableau und unseren Arbeitskräften zuwenden.
Dort gibt es drei Felder für Bedienstete: Waren Angestellte im Einsatz, sind sie müde – logisch –, wandern erst mal in das Feld für benutzte Bedienstete und müssen sich ausruhen.
Von erschöpften und einsatzbereiten Bediensteten
Zu Beginn jeder normalen Runde gibt es eine Art Bediensteten-Wanderung. Wer im Bedienstetenzimmer sitzt, rückt ins Feld für verfügbare Bedienstete auf. Danach wandern die „Benutzten“ ins Bedienstetenzimmer.

Sie sind folglich erst beim nächsten Rundenstart wieder verfügbar. Das ist eine essenzielle Verknappung von Einsatzkräften im eigenen Landgut, die wichtig für die Aktivitätenplanung ist.
Fünf Arten von Ausbauplättchen
Um eine Aktivität auszurichten, braucht die Spielerin einen Bediensteten, der zum Plättchen passt, auf dem die Aktivität stattfinden soll. Es gibt fünf Arten dieser sogenannten Ausbauplättchen: Räume im Herrenhaus (braun), für Bedienstete (blau), auf dem Anwesen (rot), Sportareale (grün) und prestigeträchtige Räume (lila).
Die Spielerin wählt ein Plättchen aus, legt es aufs Familientableau und setzt den Angestellten darauf. Wichtig ist: Die Plättchen zeigen eine Mindestanforderung an Ansehen. Hat die Spielerin nicht genug davon, kann sie diese Aktivität nicht ausführen.

Plättchen und Gäste stellen Anforderungen
Wenn alles passt – Angestellter und Ansehen – beginnt die Einladung der Gäste. Auch hierfür stellen die Plättchen Anforderungen. Das können Gäste im Allgemeinen, aber auch Frauen, Männer oder Paare sein. Diese wiederum können Bedienstete verlangen.
Caroline Vicountess Abernathy kommt beispielsweise nur, wenn ihr eine Zofe zur Seite gestellt wird. Auch hier gilt: Kann die Spielerin die passenden Gäste nicht einladen, weil sie sie nicht auf der Hand hat, oder ihnen nicht die passenden Angestellten schicken, muss sie sich für ein anderes Plättchen und/oder andere Gäste entscheiden.
Ersatz für einige Angestellte möglich
Hilfreich ist, dass einige Bedienstete für andere einspringen können. Die Hauswirtschafterin kann den Dienst der Zofe übernehmen, der Butlergehilfe den von Butler, Kammerdiener oder Lakai. Und der Lakai wiederum springt für den Kammerdiener ein – aber nur, wenn die Familie das Garderobenzimmer besitzt. Außerdem können Familien nach und nach auch weitere Bedienstete einstellen.

Haben wir es geschafft und eine Aktivität mit den richtigen Angestellten und Gästen veranstaltet, gibt’s endlich mal Belohnungen nach all der Arbeit. Die Spielerin bekommt zunächst, was auf dem Plättchen als Belohnung zu sehen ist, außerdem alles, was die erfreuten Gäste als Gefälligkeiten mitbringen.
Vielerlei Belohnungen bei „Obsesssion“
Das können Ansehenspunkte, Geld oder neue Gäste sein. Für das Ansehen rückt ein Marker auf dem Familientableau vor, Geld gibt’s in Form von Münzen, Gäste als neue Karten. So kommen auch die begehrten Prestigegäste ins Deck, die oft mehr Boni bringen, aber auch vergleichsweise viel Ansehen verlangen, bevor sie überhaupt einen Fuß in unser Anwesen setzen.
Hier kommt der Punkt, an dem „Obsession“ in einigen Partien dann doch ein wenig Glück brauchte. Denn wer hier oft Gäste mit Negativeffekten zieht, die Geld oder Ansehen kosten, damit sie an einer Aktivität teilnehmen, kann irgendwann kaum mehr aufholen. Deckbereinigung ist nicht einfach, andererseits muss ein Spieler früher passen, wenn er die unliebsamen Gäste nicht nutzen will und verschenkt damit quasi Züge.
Anwesen weiter ausbauen
Denn Passen bringt 200 Pfund oder neue Ausbauplättchen auf dem Markt, die Bediensteten sind wieder verfügbar und alle ausgespielten Gästekarten kommen wieder auf die Hand. Es gibt aber in der Passen-Runde keine Aktivität. Und das kann bei nur 15 Runden insgesamt wirklich weh tun.
Zurück zur gerade abgehandelten Aktivität: Am Ende dieses Zuges kann die Spielerin noch ein neues Plättchen vom Markt kaufen und ins Anwesen bauen. In der nächsten Periode kann es auch schon zum Einsatz kommen.
Ansehen „ausgeben“ als Notlösung
Plättchen gibt es gefühlt unzählige, die wir natürlich alle unbedingt auf unserem Landsitz haben wollen. Ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage: Es sind am Ende eher weniger, also trefft eure Wahl gut! Ein Monument bringt viele Punkte, Dienstplättchen bringen Vorteile für den Rest des Spiels. Beide erlauben aber keine Aktivität. Aber ohne zusätzliche Bedienstete, die über Dienstplättchen kommen, gewinnen wir auch keinen Blumentopf bei unseren Aktivitäten auf den Ausbauplättchen.

Wem es an Bediensteten oder Geld fehlt, der kann dafür Ansehen ausgeben. Drei Ansehen machen einen Bediensteten einsatzbereit. Zwei Ansehen bringen 100 Pfund. Das sollte eine Spielerin aber sehr mit Bedacht einsetzen, denn die stetige Steigerung des Ansehens ist ein wichtiger Bestandteil von „Obsession“. Für vier Ansehen ließe sich auch der Markt an Plättchen erneuern, das ist aber eine absolute Notlösung, weil wirklich teuer und ein Glücksspiel.
Fairchild-Interesse geweckt?
Am Ende einer Aktivität muss ein Spieler noch ein bisschen aufräumen. Bedienstete landen im Feld für Erschöpfte, Gäste auf dem Ablagestapel. Danach ist der nächste an der Reihe.
Kommt es schließlich zur Werbungsrunde prüfen die Familienoberhäupter, ob Charles oder Elizabeth Fairchild zu Besuch kommen. Wir erinnern uns, am Anfang der Periode haben wir eine Interessenskarte aufgedeckt. Sie zeigt immer eine Farbe von Plättchen, die wir in unserem Anwesen verbauen sollten, um die Aufmerksamkeit der Fairchilds zu gewinnen.
Lohn für erfolgreiche Werbung
Wer in der Werbungsrunde die meisten Siegpunkte auf den Ausbauplättchen der entsprechenden Farbe hat, „gewinnt“ eine Siegpunktkarte und einen Fairchild-Besuch für die nächste Periode. Die Spielerin muss sich für einen der beiden Fairchilds entscheiden. Und beide will man haben. Charles bringt drei Ansehenspunkte. Elizabeth hat zwei Ansehenspunkte und einen Prestigegast im Gepäckt. Beide sorgen für acht Siegpunkte, wenn sie am Ende im Deck eines Spielers zu finden sind. Das ist mächtig.

Wer früh kein Land bei den Fairchilds sieht, könnte sich vor allem in einer Partie zu zweit schwer tun, so schnell vorwärts zu kommen wie der Gegenüber. Haben übrigens mehrere Spielende gleich viele Siegpunkte passend zum Interesse, gibt es „nur“ eine Siegpunktkarte, aber keiner bekommt die Fairchilds.
Umfangreiche Schlusswertung
Nach 15 Runden wartet eine umfangreiche Schlusswertung. Punkte gibt es für Ausbauplättchen, Gäste, Zielkarten, Ansehen, Bedienstete, Geld und Siegpunktkarten. Danach steht fest, wer den Fairchilds als beliebteste Familie künftig Konkurrenz macht.

Es gibt vielerlei Kleinigkeiten, auf die während einer Partie „Obsession“ zu achten ist. Hier was weglegen, da was nachziehen, hier einen Marker bewegen, da etwas zusammenrechnen und werten. Beispielsweise ist nicht zu vergessen, dass erstmalig genutzte Ausbauplättchen umgedreht werden – und dann veränderte Anforderungen und Boni zeigen.

Ereignisse bringen kleine Veränderungen
Außerdem bringt allein der Rundenanzeiger zusätzlich zu Zielkarten ziehen und Werbungsrunde noch die Ereignisse Dorffest, Handwerksmesse oder Feiertag mit, die jeweils ein leicht verändertes Herangehen an die aktuelle Periode verlangen.

Das Dorffest kann Geld bringen, die Handwerksmesse mehr als ein Ausbauplättchen (wo soll man dafür das Geld her haben, frag‘ ich mich immer noch), der Feiertag erlaubt Aktivitäten ohne Rücksicht auf sonst geltende Ansehensbeschränkungen der Gäste.
Spielhilfen und Glossar
Trotz dieser hohen Komplexität führt das Spiel bestens durch diese Anforderungen. Die Symbolik ist klar und funktioniert bestens, zur Not hilft das umfangreiche Glossar und diverse Spielhilfen, auf denen man sich abe auch erst mal zurechtfinden muss. Dennoch: Das ist wirklich gut gelöst!
„Obsession“ ist nicht nur an sich schon groß, es ist auch extrem variabel. Lust auf eine längere Partie? Spielt die erweiterte Version. Natürlich steckt ein umfangreicher Solomodus in der Box mitsamt eigenem Würfel. Außerdem ist alles bestens in Schachteln und Beuteln zu verstauen.
Großartiges Spiel mit tollem Material
Weitere Varianten stecken in dem – Achtung! – 28 (ja, richtig gelesen) Seiten langen Glossar. Es erklärt zusätzlich auch noch alle blauen Begriffe aus der Anleitung ausführlicher und dröselt die Geschichte der Fairchilds auf. An diversen Stellen ist außerdem Flufftext zu finden, der in die damalige Lebensweise des Adels einführt. Einfach schön!

Zusammengefasst: Ich mag „Obsession“ – und bin immer noch auf der Suche nach erfolgversprechenden Strategien, denn ich verliere meistens. Es spricht für die Qualität des Spiels, dass es trotzdem nicht aus dem Regal fliegt. Weil’s einfach groß und großartig ist und in meine Sammlung gehört.


































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