Schon eine ganze Weile ist es her, dass „Die Klapperschlange“ von John Carpenter im Kino Premiere feierte. 45 Jahre, um genau zu sein. Dystopie, Vorläufer des Cyberpunks, Abgründe der Menschheit. Klingt das, als sollte man in heutiger Zeit ein Spiel daraus machen? Man sollte! Die Brettspieladaption lässt die Spielenden in einer gelungenen Umsetzung tief in die Geschichte eintauchen und bekannte Gesichter und Szenen erkunden, während sie sich wie Snake Plissken über die Gefängnisinsel Manhattan prügeln, schießen und dabei viel rennen.

  • Autor: Kevin Wilson
  • Illustration: David Costi & Mathias Mazzetti
  • Spielerzahl: ein bis vier
  • Alter: ab 14 Jahren
  • Dauer: 90 Minuten
  • Lustige Startspielerbestimmung: keine
  • Verlag: Pendragon Game Studio/Heidelbär Games

So, ich sag das jetzt genau einmal: Warum zur Hölle heißt „Escape from New York“ auf Deutsch „Die Klapperschlange“, obwohl das Tattoo doch eine Kobra ist und der Kerl auch „nur“ Snake heißt? Ich versteh’s nicht. Aber egal. Der Film ist Kult und das Spiel wirklich gut.

Bekannte Orte auf dem Spiel-Stadtplan zu finden

Der Spiel- ist ein Stadtplan, unterteilt in ein versetztes Raster aus Quadraten. Darauf auch bemerkenswerte Orte der Filmvorlage: Central Park, Bücherei, das World Trade Center zugleich Landeplatz der Gullfire. Es gibt aber noch weitere „Wichtige Orte“, die als verdeckte Plättchen auf markierten Feldern auf Entdeckung warten.

Gleiches gilt für Plättchen mit Fragezeichen, unter denen sich hilfreiche und weniger hilfreiche Dinge verbergen. Dystopischer Forschungseinsatz sozusagen.

„Die Klapperschlange“: Manhattan erkunden

Denn nach dem Absturz mit der Gullfire müssen wir erst mal anfangen Manhattan zu erkunden. Wer weiß schon, was uns in den von Anarchie geprägten und von Schurken und Gannoven besiedelten Gassen erwartet?

Noch ein Nostalgie-Moment, weil wir nicht alle Snake spielen können: Auswählbare Charaktere sind neben dem Augenklappe tragenden Antihelden noch Maggie, Brain und Cabbie, der ja nun mal auf gar keinen Fall fehlen darf! Jeder hat geringfügig veränderte Startbedingungen. Snake und Maggie beginnen mit einer Waffe, Cabbie fährt sein Taxi, Brain hat eine Brückenskizze, dazu später mehr.

Wie im Film: Die Zeit läuft ab!

Wie könnte es auch anders sein – die Zeit läuft gnadenlos ab. Im Spiel sehen wir auf der Kartenrückseite den Timer, den Snake im Film am Arm trägt. Und wir kriegen Ärger mit den Bösewichten des Films: Romero, Slag und der Duke haben mit viel zu vielen ihrer Schergen was dagegen, dass wir es aus Manhattan rausschaffen. Und das ist schließlich das Ziel von „Die Klapperschlange“.

Ist es? Jein. Alle können gemeinsam nach dem verloren gegangenen Präsidenten und nach genauso vermisst gemeldeten Gegenständen suchen, um zusammen aus der Stadt zu kommen. Gleichzeitig ist es aber jederzeit möglich, dass einer aus der Truppe den Rest hintergeht, alleine abhaut und gewinnt.

Charakter über Aktionskarten lenken

Das Spiel startet für das fragwürdige Team in der Bücherei in der Spielplanmitte. Die Spielenden sind reihum dran. Auf je eine Heldenphase folgt eine unerfreuliche New-York-Phase.

Jeder steuert seinen Charakter per Aktionskarten. Zwei je Runde werden von der Hand ausgewählt, nacheinander komplett abgehandelt und abgelegt. Die Aktionskarten sind zugleich die Lebenspunkte eines Charakters, kassiert er Schaden, verliert er ebenfalls Karten gen Ablagestapel.

Drei Arten von Aktionen bei „Die Klapperschlange“

Um später wieder Karten auf die Hand zu bekommen, muss man ein Timerplättchen mit all seinen meist üblen Konsequenzen umdrehen. Das will man so selten wie möglich, also gilt es, die Ressource „Aktionskarte“ sinnvoll zu nutzen.

Das bedeutet, die Helden müssen drei Arten von Aktionen effektiv kombinieren und nutzen. Ein Spieler kann seine Figur auf einen aufgedeckten Ort oder auf ein verdecktes „Wichtiger Ort“-Plättchen bewegen. Ein angrenzendes unentdecktes Feld wird aufgedeckt.

Straßensperren und Gegenstände

Herumlaufen oder -fahren können die Helden nur, wenn die Straßen nicht blockiert sind oder eine Spezialaktion ihnen erlaubt, Straßensperren zu zerstören. Orte am Stadtrand bringen Plättchen mit, die Effekte nach sich ziehen – Gegenstände, Gegner, Gefahren und Autos tauchen dort auf.

Setzt sich ein Charakter in ein Auto, kann er einen anderen Spieler mitnehmen. Gleiches gilt aber auch für die Gegner. Wer im Auto sitzt, bewegt sich weiter und hat einige weitere Vorteile.

Bosse und Banditen von der Straße boxen

Wichtige Orte können aber auch einen der Bosse ins Spiel bringen, die deutlich schwieriger zu bekämpfen sind, als die „normalen“ Kriminellen von Manhattan. Wichtig deshalb: Aktionskarten können Schaden verursachen. Das ist logischerweise hilfreich um eben jene Banditen oder die Oberbösewichte von der Straße zu boxen.

Dann wären da noch die Spezialaktionen, die Karten erklären das aber jeweils gut. Da sind beispielsweise Brains „Opportunismus“, der ihn für eine Runde immun gegen Schaden macht, oder das „Kleine Päuschen“, mit dem Snake zwei abgeworfene Aktionskarten wieder auf die Hand bekommt. Problem: Aktionen verursachen Lärm. Je lauter sie sind, desto eher gibt’s Ärger auf New Yorks Insel.

Angriffslustige Gegner bei „Die Klapperschlange“

Ist ein Held zu nah an gegnerischen Figuren, greifen sie ihn an und verursachen Schaden. Das will man vermeiden, wir erinnern uns, das kostet uns Karten. Dabei helfen Gegenstände, die ebenfalls über Karten ins Spiel kommen, oder Schutzräume.

Jeder Charakter hat drei Anforderungen, um aufzuleveln. Sind diese erfüllt, wird er dank neuer Fähigkeit stärker. Das ist aber auch nötig, denn – ihr wisst schon – uns rennt die Zeit davon.

Nicht zu viel Lärm verursachen!

Kommen wir zurück zum Lärm. In der New-York-Phase gibt die oberste Karte auf dem entsprechenden Stapel an, ab welcher Lautstärke sie ausgelöst wird. Gibt’s genug Krach, kommt der Effekt der Karte zum Einsatz. Und der ist nie gut, denn es bringt Feinde dazu, in Richtung des nächsten Helden zu rennen. Andernfalls steigt „nur“ die Lautstärke um eins, in beiden Fällen landet die Karte danach auf dem Ablagestapel.

Weil wir nicht schon genug Ärger haben, gibt’s auch noch Ereigniskarten. Je mehr Zeit vergeht, umso mehr von ihnen kommen jeweils auf einen Schlag ins Spiel, sobald ein Charakter auf einen Ort zieht, auf dem das Ereignissymbol zu sehen ist. Auch hier gilt: Meistens ausgesprochen unerfreulich.

Siegbringende Gegenstände finden

Auf dem tendenziell ungesunden Weg durch Manhattan suchen die Spielenden nach den siegbringenden Utensilien, natürlich ist auch der im Film so wichtige Koffer des Präsidenten im Spiel, in dem sich die ebenfalls bekannte Audiokassette entdecken lässt.

Die illustre Snake-Maggie-Cabbie-Brain-Gruppe gewinnt eine Partie gemeinsam, wenn sie den Präsident, die Kassette und die Skizze der Brücke gefunden hat, neben eben jener Brücke steht und ein Spieler seine Figur auf die Brücke bewegt – die Flucht ist geglückt.

Wettlauf gegen die Zeit

Allerdings kann ein Spieler auch allein gewinnen, wenn der Präsident von irgendeinem Spieler gefunden wurde, das oberste Plättchen des Timers rot ist, der Held Level drei erreicht hat und beide persönlichen Ziele erfüllt sind – eins davon kann sein, mit der Gullfire oder dem Helikopter abzuhauen, ohne die anderen mitzunehmen. Alle verlieren, wenn das rote Timerplättchen aufgedeckt wird und somit die Zeit abgelaufen ist.

Wie im Film ist „Die Klapperschlange“ ein Wettlauf gegen die Zeit in einem chaotischen New York, in dem ständig von irgendwo neue Bösewichte auftauchen, sie hüpfen gern auch mal plötzlich aus der Kanalisation. Spielt man zusammen oder verrät doch einer die ganze Truppe?

Eigene Geschichte im Universum von „Die Klapperschlange“ erleben

„Die Klapperschlange“ ist auch deshalb gut, weil es das Ende des Films nicht zwingend zum Ende des Spiels macht. Wir können auf verschiedenen Wegen aus Manhattan abhauen, es gibt eine Variante, die die Frage aufwirft, ob der Präsident überhaupt überlebt. Das fühlt sich ein wenig so an, als würden wir unsere eigene Geschichte im Universum des Films erleben.

Der Wiederspielwert von „Die Klapperschlange“ ist hoch. Das Aufleveln der Charaktere ist ebenso variabel wie der Spielplan mit seinem Raster, das erkundet werden will.

Erweiterungen in der Box

Hinzu kommen mehrere Erweiterungen, die über die Stretch Goals der Crowdfunding-Kampagne in die Box kamen. Sie machen das Spiel (noch) härter, erhöhen den Zeitdruck, machen die New-York-Bots stärker, bringen Fallen, neue Zielkarten, Ereignisse Waffen und Spezialaktionen mit.

Das Material ist prima, die vielen Verweise auf den Film bestens gelungen. Allein schon die Karte mit der Szene, in der Snake auf dem Klappstuhl sitzt – und nichts tut: grandios. Fans des Films und alle, die es werden wollen, haben ziemlich sicher großen Spaß am Spiel „Die Klapperschlange“, wenn sie unter Zeitdruck zu spielende Kennerspiele mögen.

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