Tales of Kunugi: Ein ganz besonderer Baum

„Eines Tages haben wir unseren eigenen Brettspielverlag.“ Das hat sich Charles Muller 1999 schon gesagt, als er in Japan gearbeitet hat. Es dauerte noch eine Weile bis eben jener Verlag, Frenchy Kuma, das Licht der Brettspielwelt erblickte. Ausgebremst von der Pandemie geschah das im Jahr 2023. Bei der SPIEL 2025 waren Muller und seine Kollegen von Frenchy Kuma mit ihrem Erstling „Tales of Kunugi“ vertreten – und ich hätte es fast verpasst. Und das wäre richtig schade gewesen!

  • Autor: Kodiak, Higuma, Panda
  • Illustration: Méïzou
  • Spielerzahl: eins bis vier
  • Alter: ab acht Jahren
  • Dauer: 30 Minuten
  • Lustige Startspielerbestimmung: keine
  • Verlag: Frenchy Kuma

Falls ich das noch nicht erwähnt habe: Ich bin großer Fan der SPIEL-App, die mir hilft, alles, was ich während der kurzen Zeit ansehen möchte, auch zu finden. Und ich wusste: Ich hatte in Halle 5 ein mystisch-anziehendes Spiel markiert. Aber der Stern war weg. Ich weiß nicht warum, aber er war weg, und ich hatte nur noch dunkel in Erinnerung, dass der Name des Spiels mit „T“ begonnen hat.

Kooperatives Geschick gefordert

Und plötzlich kam ich ganz unerwartet an genau dem richtigen Stand vorbei. Da stand der Baum, der meine Aufmerksamkeit geweckt hatte, und dahinter Muller, der mir direkt fröhlich von „Tales of Kunugi“ erzählte. Er ist Mitautor des Spiels, verbirgt sich hinter Higuma, dazu kommen Kodiak und Panda. Illustriert wurde die in den Bann ziehende Spielwelt von Méïzou. „Sie ist eine französische Illustratorin, die großartig ist, wenn es um die japanische Themenwelt geht“, berichtet Muller von einem perfekten Match.

„Es ist ein kooperatives Spiel, das hübsch aussieht“, sagt Muller und lacht, weil er weiß, dass das völlig untertrieben ist. Das Autorentrio saß einige Tage beisammen und probierte viel herum, bis klar war: Kooperativ soll das Spiel werden, Balance und Geschicklichkeit erfordern und die Spieler sollen etwas bauen, wofür auch noch Teamstrategie nötig ist.

„Tales of Kunugi“: Die Hoffnung auf „etwas Einzigartiges“

„Wir haben lange gesucht und auf dem Markt nichts vergleichbares gefunden“, berichtet Muller von der Hoffnung, „etwas Einzigartiges“ entwickelt zu haben.

Dabei ist schon Frenchy Kuma an sich ein ungewöhnlicher Verlag mit seiner Verortung in Frankreich und Japan. Franzose Muller hat lange in Japan gearbeitet und pendelt auch jetzt noch permanent zwischen dem Land der aufgehenden Sonne und seiner Heimat.

Auftakt mit Crowdfunding

Eineinhalb Jahre Entwicklung stecken in „Tales of Kunugi“, die Erstveröffentlichung lief über die französische Crowdfunding-Plattform Ulule, nach deren Erfolg war das Spiel nun auch in Essen zu haben – deutsche Regeln gibt’s als Download.

In Japan vertreibt Frenchy Kuma das Spiel selbst, in Frankreich wird Wilson Jeux den Vertrieb übernehmen.

In „Tales of Kunugi“ wächst Säge-Eiche

Das Wort Kunugi steht übrigens für eine Art Eiche, im Volksmund wegen der Zahnung ihrer Blätter auch Säge-Eiche genannt. Eben jene Eiche bauen wir bei „Tales of Kunugi“ gemeinsam auf, hängen Lampions, Vogelnester und Girlanden zu den Blättern und Ästen und errichten so nach und nach in jeder Partie ein ganz eigenes Kunstwerk. Und wenn es nach Muller geht auch gleich noch eine ganz eigene Geschichte.

Und wie spielt sich nun das mich so anziehende „Tales of Kunugi“? Gar nicht so einfach! Denn die hölzernen Baumteile und Dekorationen ergeben nach und nach ein äußerst fragiles, geschmücktes Gewächs – und dann wollen wir auch noch Ziele erfüllen und Donguris ernten. Na dann mal los!

Kodamas wollen Eiche zum Blühen bringen

Die „Tales of Kunugi“ sind eine Geschichte der Kodamas, also von Waldgeistern. Die Kodamas tun sich zusammen und wollen eine Kunugi-Eiche zum Blühen bringen. Die Spielenden sind die Kodamas und haben fünf Jahre Zeit, um sich um ihren hoffentlich prächtig sprießenden Baum zu kümmern und zu dekorieren.

Wir haben einen dreidimensionalen Spielplan, auf dem der Stamm, ein Torii mit Spielübersicht, und eine Deko-Laterne stehen. Bereit liegen vier unterschiedlich große Zweige, je drei Größen von Laubwerk und girlandenartigen Shimenawas (Deutsch: Heilige Schnüre), dazu noch Lampions, Vogelnester, Donguri (Eicheln), runde und quadratische Marker.

Ziele für jeden und fürs Team

Je nach Anzahl der Spielenden gibt es unterschiedlich viele Team- und persönliche Ziele für die Partie. Sie sind mit ein bis drei Bärentatzenabdrücken markiert. Mehr Bärentatzen bedeuteten höhere Schwierigkeit. Jedes Ziel in Form eines langen, gezackten Blatts hat drei Teile. Sie geben immer vor, welche Dekorationen wie oft und/oder wo am Baum platziert sein müssen.

Beispielsweise soll eine Laterne nur an einem Shimenawa hängen, es sollen sieben Nester oder mindestens vier Teile jedes Deko-Typs im Baum sein Oder fünf Shimenawas sollen sich berühren oder eine Schleife um den Stamm bilden. Die Teamziele kennen alle, über die persönlichen Ziele dürfen die Kodamas nicht sprechen.

Spielen im Laufe der Jahreszeiten

Unsere fünf Jahre mit vier Jahreszeiten können starten. Im Winter bereiten wir vor, im Frühling wächst unser Kunugi, im Sommer schmücken wir ihne und im Herbst ernten wir Donguris und nutzen unsere Kodama-Kräfte. Jahreszeit und Jahr zählen wir praktisch mit Markern am Schachtelrand.

Im Winter ziehen wir runde und quadratische Marker und legen damit fest, welche vier Zweige und fünf Dekorationen in diesem Jahr verfügbar sind. Das Team muss jetzt schon festlegen, welche Größe von Laub oder Shimenawa sie nutzen wollen.

Mehr Donguris für längere Zweige

Im Frühling geht die Wachserei los. Die Kodamas müssen drei der vier Zweige an den Baum bringen. Wer keinen Zweig platziert, erhält eine Donguri. Danach kommen im Sommer vier der fünf Deko-Elemente dazu.

Hier gibt es mehr Donguris je mehr Zweige zwischen dem dekorierten Zweig und dem Stamm liegen. Ist der Ast also direkt am Stamm gewachsen bringt das weniger, als wenn schon zwei Zweige ineinander gesteckt sind und dann erst der dekorierte Zweig folgt.

Immer mehr Deko-Elemente im Baum

Im Frühling wie im Sommer gilt: Ein Spieler darf nur eine Hand verwenden, kann sich aber frei um den Tisch bewegen. Heruntergefallene Zweige sind aus dem Spiel, Deko-Elemente kommen zurück in den Vorrat. Es bleibt jeweils ein Zweig und ein Deko-Teil übrig, das im nächsten Jahr wieder zur Wahl steht.

Im Herbst können die Kodamas ihre Donguris einsetzen. Das ist nötig, weil die Ziele sonst nur mit sehr viel Glück zu erreichen sind. Wer eine Eichel einsetzt, darf eine heruntergefallen Dekoration wieder platzieren. Zwei Donguris sind nötig, um eine neue Dekoration aus dem Vorrat zu nehmen und in den Baum zu hängen.

Endet „Tales of Kunugi“ mit einem Kami des Waldes?

Nach fünf Jahren folgt die Schlusswertung. Nacheinander prüfen die Spielenden alle Team- und persönlichen Ziele. Die Summe der Punkte kann zwischen null und 20 liegen. Eine Tabelle in der Anleitung gibt Auskunft über die Qualität des Baums: Mit sechs oder weniger Punkten ist er tot. Die weiteren Klassifizierungen sind Junger Trieb, Erwachsener, Majestätischer oder Jahrhundertealter Baum. Erreichen wir die magischen 20 Punkte, haben wir einen Kami des Waldes wachsen lassen.

„Tales of Kunugi“ ist ein ruhiges, kooperatives Spiel, bei dem ein so wackliges wie beeindruckendes Gebilde auf dem Tisch in kuriose Richtungen wächst. Der Anspruch an die Geschicklichkeit der Spielenden ist hoch, vor allem die Lampions sind Absturzkandidaten. Das macht aber auch den Reiz des Spiels aus.

Die lohnende Suche nach „Tales of Kunugi“

Schade, dass die vielen Holzbauteile schwer aus der Form zu bringen sind. An manchen Stellen platzte dabei leider die Farbe ab. Das verdirbt den Spielspaß aber kaum – Naturmaterial eben. Es macht viel Freude, die Teile am Baum zu platzieren, die Nester, die wackeligen Lampions, ein großes oder doch ein kleines Blattwerk? „Tales of Kunugi“ bringt Jung und Alt zusammen an den Spieltisch in einem gelungenen Spiel mit hinreißender Illustration und schöner Geschichte.

Ich bin wirklich froh, dass ich mich doch noch einmal auf die Suche nach „Tales of Kunugi“ gemacht habe. Es hat sich gelohnt!

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